Winnetou Eins bis Drei

und am Ende stirbt Karl May (2020/21)

Ein wild-assoiativer Ritt durch die phantastische Welt des wohl bekanntesten Autors Deutschlands, vermutlich ersten Popliteraten und vielleicht auch Erfinders der FakeNews.

"Winnetou eins bis drei und am Ende stirbt Karl May" ist ein 90 minütiger, unterhaltsam-collagenartiger und episch postpandemischer Theaterabend, der den Mythos Karl May, seine Tragweite und sein vermeintliches Erbe in aktuellen postfaktischen Zeiten sowie das generelle Prinzip der Selbsterfindung und Selbstdarstellung diskursiv-popkulturell aufgeladen ergründet.

mit Nadine Breitfuß , Martin Brunnemann , Anna Maria Eder

David Fuchs , Wiltrud Schreiner , Sven Sorring

 

Regie: Erik Etschel
Musik: Gilbert Handler
Kostüm: Elke Gattinger

Bühne: Thomas Kurz

Coreographie: Doris Jungbauer

Lichtdesign: Christian Leisch

Premiere: 19. Februar 2021 im Theater Phoenix als Stream auf oeticket

 

Pressestimmen:

 

Iiiiijjaaahaaaa!: "Winnetou eins bis drei" im Theater-Phönix-Stream

Der Apachenhäuptling und sein Freund in einer wilden Collage aus Spiel, Making-of und Diskurstheater

Standard, 19.02.21

 

Das in die abgefilmte Realität gezwungene Theater richtet sich jetzt an genau diesen oktroyierten filmischen Möglichkeiten auf. Das Phönix-Theater in Linz bzw. Regisseur Erik Etschel haben einen Winnetou-Abend in umfänglicher Postproduktion als reich befrachteten Bilderrausch präpariert, ohne dabei das Theater- und Bühnenhafte und die dem Theater eigenen Dekonstruktionsangebote zu verraten. 90 Minuten lang wird collagenhaft aus mehreren Richtungen der Kosmos Karl May und dessen Weltliteratur durchgesiebt.

Es geht um Wildwestfantasien eines sächsischen Kleinstädters (Karl May wurde 1842 in Ernstthal geboren), aber noch viel mehr um das Thema der Aneignung. Welche Bilder über ein nie gesehenes Land triggert ein Autor, was macht die Filmindustrie daraus, und was wäre die "Mayworld" heute im Zeitalter der Hashtags und der kapitalistischen Pulverisierung jedes Gedankens? Da werden einige gute Fragen herausgeackert.

Inklusive Fake-News: Winnetou eins bis drei und am Ende stirbt Karl May von Erik Etschel und Lisa Fuchs ist eine dynamische Inszenierung in drei Akten, die den Diskurs der Cultural Appropriation nur sachte streift und einmal auch die Hautfarben-Crux anspricht. Der Häuptling, nach seiner sichtlich weißen Schauspielergesichtsfarbe befragt, antwortet, man möge sich doch bitte nicht nach der "Color" orientieren, sondern nach seinem Namen.

Aneignung meint aber auch die biografisch belegte Hybris des Schriftstellers Karl May, der schon in jungen Jahren als Hochstapler aufgefallen und für einige Jahre hinter Gitter gesteckt wurde und später von sich behauptete, selbst Old Shatterhand zu sein. Lex Barker wiederum, der Winnetou-Freund in den Rialtofilm-Arbeiten der 1960er, sonnte sich im Ruhm des unfehlbaren Indigenenverstehers. Aneignung ist es auch, wenn die Social-Media-gestählte und auf oberflächliche Meinungsbildung vertrauende Nachwelt sich ihre funky Gut-und-böse-"Mayworld" zusammenbaut, je nach Bedürfnis.

Winnetou eins bis drei liefert die Geschichte über den Häuptling der Apachen und den Kampf gegen die weißen Landräuber, synchron dazu aber auch die diskursive Ebene, auf der hinterfragt wird, von der Abbildbarkeit der Prärie bis hin zur Glorifizierung männlicher Helden mit – im Gegenzug – MeToo-Atmosphäre am Filmset der Sixties.

Schnelle Szenenwechsel, hohe Scherzdosis. Der Abend bringt sich in seiner Verspieltheit (Soundkreation zu pantomimisch dargebotenen Hinschlachtszenen) auch an die Kippe. Der Dialog zweier Pferde war aber unverzichtbar. Man beachte die sorgfältige Antwort des bejahenden Gauls: Iiiiijjaaahaaaa! (Margarete Affenzeller, 20.2.2021)

 

Der edle Häuptling zeigt der Welt den Mittelfinger

Oberösterreichische Nachrichten, 19.02.21

Das Theater Phönix überhöht mit "Winnetou eins bis drei" die illustre Scheinwelt von Karl May mit viel Witz im Streamingformat.

Die Orgelmusik zu Beginn ist zu laut, um Old Shatterhand bedächtig ins Dickicht der Trauer über den toten Winnetou zu folgen. Sven Sorring, der in der Rolle des Sam Hawkens badet, zupft ein elektrisierendes "Star-Spangled Banner" auf der Stromgitarre (Musikkonzept: Gilbert Handler). So öffnet sich das Panoptikum "Winnetou eins bis drei – und am Ende stirbt Karl May" von Lisa Fuchs und Erik Etschel, der dieses Psychogramm des vorgeblich weit gereisten und polyglotten Autors als analoge Produktion für das Linzer Theater Phönix konzipierte. Nun hat er es Corona-bedingt zum Online-Ereignis umgebaut.

Die beglückende Wiltrud Schreiner lässt die Figuren Old Shatterhand, Lex Barker und Karl May in einem Körper verschmelzen.

Die rauschhafte Erzählung verästelt sich über die Berlinale-Präsentation des Kino-Blockbusters hinaus und beleuchtet das Verschmelzen der Darsteller mit ihren Figuren samt Karl May als tragische Figur. So witzig wie schlau eingefädelte Unterhaltung über den entlarvten Schein, abgeschaut vom Leben eines genialen Hochstaplers.

Fazit: Eineinhalb Stunden Traumsequenz über das Leben des Phantasten Karl May. Ein Funkenflug an Ideen. Sofern Theater fürs Internet übersetzt werden kann, dann gerne so.

Winnetou-Uraufführung im Linzer Theater Phönix

Salzburger Nachrichten, 20.02.21

Das Linzer Theater Phönix wollte nicht mehr warten: "Winnetou eins bis drei - und am Ende stirbt Karl May" war fertig geprobt, die Premiere wurde aber Lockdown-bedingt immer wieder verschoben. Also entschied man, die Uraufführung als Video herauszubringen. Regie führte Erik Etschel, der das Stück gemeinsam mit Lisa Fuchs auch geschrieben hat und für die Videogestaltung verantwortlich zeichnet. Das Experiment Streaming ist gelungen.

 

Karl May ist seit mehr als 100 Jahren tot - heute wäre er vielleicht Influencer und würde seine alternativen Fakten in die Welt hinaus twittern. Der Autor befeuerte stets die Legende, die Abenteuer von Old Shatterhand selbst erlebt zu haben, stellte den schlauen und zielstrebigen deutschen Landvermesser beim Eisenbahnbau in Amerika als sein Alter Ego dar, das 20 Sprachen spricht, besser schleicht als jeder Indianer und dank seiner Coolness und seiner Stärke mit dem kleinen Finger fünf raue und Feuerwasser trinkende Kerle gleichzeitig in Schach hält wie ein lebendig gewordener Chuck-Norris-Witz.

Und diese Selbstdarstellung steht im Zentrum des Stücks, es dreht sich nicht, wie der Name vermuten lässt, um Winnetou, sondern um Old Shatterhand und Karl May, beide dargestellt von Wiltrud Schreiner. Im ersten Teil arbeiten sich Erik Etschel und Lisa Fuchs an der Romanvorlage ab. Im Vordergrund fährt eine Modelleisenbahn durch eine Sandkiste mit Spielfiguren und -pferden samt Kaktusdeko. Es wird Schnaps getrunken, geschossen, jedes platte Klischee wird bedient, die tiefschürfendsten Gespräche führen die Pferde. Danach folgt der Schwenk in die Welt des Films. Neben dem alles überstrahlenden Lex Barker und dem mit französischem Akzent um Aufmerksamkeit buhlenden Pierre Brice tummeln sich dort auch ein stets "du dumme Sau" schreiender Klaus Kinski sowie Karin Dor und Terence Hill. Zum Schluss mündet die Handlung in ein schrilles Hashtag-Feuerwerk.

Das Stück ist collageartig aufgebaut, dem Publikum werden Happen aus dem Winnetou-Stoff und aus der Geschichte der gleichnamigen Filme hingeworfen - wer aus seiner Kindheit Winnetou-Erfahrung mitbringt, wird sich blendend unterhalten.

 

Gut gemacht ist die "Verfilmung" des Stücks geworden. Erik Etschel mixt eine klassische Theaterübertragung mit Handkamera-Strecken, dem Blick von der Decke und augenzwinkenden Effekten. Die Musik von Gilbert Handler bedient sich wie gewohnt überall - von der Kirchenmusik bis zum Punk, von der Hymne bis zum Saloon-Geklimper - und drückt der Produktion einen charakteristischen Stempel auf.